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Die EU ist eine industrielle Großmacht

Wer glaubt, dass Europa wirtschaftlich abgehängt ist, wird nach diesem Blogeintrag eine Erkenntnis gewinnen: Wie krass die Realität und die Wahrnehmung der Realität auseinandergehen können.

Ja, die EU ist NICHT, wie oftmals von EU-Offiziellen dargestellt, der größte Binnenmarkt der Welt. Ein Vergleich der Wirtschaftsleistung zeigt: Das Bruttoinlandsprodukt liegt knapp hinter den USA auf Platz 3, auch gemeinsam mit Großbritannien, Schweiz, Norwegen und Island liegt Europa immer noch auf Platz 2 hinter China. /2

Anmk. Für den Vergleich der Wertschöpfung im Jahr 2024 wurde das Bruttoinlandsprodukt der Weltbank in Kaufkraftparitäten herangezogen (GDP, PPP, current international $). Dadurch werden Unterschiede im Preisniveau zwischen den Ländern berücksichtigt und Verzerrungen vermieden, die sich bei einer Umrechnung zu Marktwechselkursen ergeben würden.

Aber nur weil Europa nicht die Nummer 1 ist, ist es immer noch ein erheblicher Faktor in der Weltwirtschaft. Wir sehen, je nach Definition, sogar vor den USA. Wie ist das möglich, wenn der Kontinent angeblich überbürokratisiert und bei allen relevanten Technologien abgehängt ist?

Richten wir dazu den Blick zuerst in die USA. Das Land ist stark bei Dienstleistungen (Finanz, Tech, Kultur, IT etc.), sodass es hier um 300 Milliarden USD mehr exportiert als importiert. Schon lange sind in modernen Volkswirtschaften Dienstleistungen wirtschaftlich bedeutsamer als Güter.

Wieso kommt Trump dann dauernd mit Zöllen um die Ecke? Wieso will er Exporte durch einen billigen Dollar anschieben und wieso glaubt er, dass alle Welt die USA ausnehmen? Weil, anders als in der Gesamtwirtschaft, im Außenhandel Güter dominieren. So entfallen rund ¾ des Welthandels nicht auf Dienstleistungen, sondern auf Güter (Rohstoffe, Getreide, Energieträger, gefertigte Güter) und davon nochmals ¾ auf Industriegüter (Maschinen, Elektronik, Autos etc.). 

Und bei Gütern sieht die Sache anders aus als bei Dienstleistungen. Die USA produzieren viel weniger davon als sie konsumieren. Die Lücke müssen sie aus dem Ausland einführen. Und diese (von Industriegütern dominierte) Lücke ist mit 1.300 Milliarden USD gigantisch.

Der Überschuss bei den Dienstleistungen und das Defizit bei den Gütern ergeben für die USA im Saldo ein Defizit im gesamten Außenhandel von fast 1.000 Milliarden US-Dollar – das entspricht der Wirtschaftskraft von Polen.

Anmk. Die Außenhandelsbilanz entspricht in der volkswirtschaftlichen Terminologie den Nettoexporten und bezeichnet den Saldo aus Exporten und Importen von Gütern und Dienstleistungen. Datenquelle ist die Welthandelsorganisation (WTO).

Die EU hingegen exportiert, wie die USA, mehr Dienstleistungen als sie importiert. Aber obwohl die EU von eingeführten Energieträgern (=Güterimport) viel abhängiger ist als die USA, führt sie auch mehr Güter aus als sie einführt und hat somit einen doppelten Überschuss im Außenhandel.

Anmk. siehe vorheriges Chart.

Und Chinas Exportüberschuss ist, obwohl der Dienstleistungssaldo negativ ist, unterm Strich nochmals deutlich größer als jener der EU (siehe Chart oben). Diese Entwicklungen stehen in direktem Zusammen mit der Deindustriealisierung der USA seit den 1990ern – das einzige Thema der MAGA-Rechten, das eine reale Grundlage hat.

Denn wer produziert die Güter? Das ist die Industrie. Offenbar hat die EU andere industrielle Kapazitäten als die USA. Ein kleiner Blick auf die Beschäftigungszahlen zeigt die Unterschiede überdeutlich: Die EU hat doppelt so viele Industriebeschäftige.

Anmk. In der OECD-LFS-Datenbank sind keine Daten für China, Indien und Russland verfügbar. Unter „Industrie“ wird das Verarbeitende Gewerbe (VGR Sektor C) verstanden.

Dieser Vergleich ist eindrücklich, aber unzureichend aussagekräftig. Denn auch Indien hat deutlich mehr Industriebschäftigte als die EU, ist aber keine Industriegroßmacht. Es geht also auch um die Produktivität: Eine sehr produktive Industrie stellt z.B. gleich viele Wechselrichter höherer Qualität mit WENIGER Beschäftigten her. Werfen wir daher einen Blick auf die Wertschöpfung, also den tatsächlichen Output der Industriebeschäftigten.

Die industrielle Wertschöpfung der EU liegt immer noch um 37% höher als die der USA. Jene von Europa (inkl. Großbritannien, Schweiz, Norwegen, Island) sogar um die Hälfte höher. Die Europäische Union ist also eine deutlich größere Industriemacht als die Vereinigten Staaten.

Anmk. Für den Vergleich der industriellen Wertschöpfung im Jahr 2024 wurden Daten der Weltbank (bzw. des U.S. Bureau of Economic Analysis für die USA) herangezogen (Manufacturing, value added, current LCU). Diese wurden mithilfe der von der Weltbank bereitgestellten Konversionsfaktoren in Kaufkraftstandards (internationale Dollar) umgerechnet. Zu beachten ist, dass sich diese KKS-Konversionsfaktoren auf das Bruttoinlandsprodukt insgesamt beziehen und nicht spezifisch auf den Sektor des verarbeitenden Gewerbes (VGR Sektor C). Da weder bei der Weltbank noch bei anderen Datenquellen sektorspezifische Kaufkraftparitäten verfügbar sind, stellt dieses Vorgehen die bestmögliche Annäherung dar. Für Japan lagen Daten nur für das Jahr 2023 vor.

Der Abstand der EU zu den USA ist bei der industriellen Wertschöpfung deutlich geringer als bei der industriellen Beschäftigung – ein Indiz dafür, dass die US-Wirtschaft im Allgemeinen, und die Industrie im Speziellen, produktiver ist. Aber wie groß ist der Abstand?

Die härteste Währung für Produktivität ist das BIP pro Arbeitsstunde. Dafür ist egal wie groß deine Bevölkerung ist, es ist egal ob du 2 Wochen Urlaub hast oder 5. Entscheidend ist wie viel Wertschöpfung die Volkswirtschaft in einer Arbeitsstunde erwirtschaftet.

Anmk. Für den Vergleich der Stundenproduktivität im Jahr 2023 wurden Daten der Penn World Table (PWT) herangezogen (Output-side real GDP at chained PPPs, in Mio. 2021 US-$) und als Index dargestellt. Die Stundenproduktivität ergibt sich aus dem Verhältnis von realem BIP zu geleisteten Arbeitsstunden. Die PWT stellt hierfür eine der wenigen international konsistenten Datenquellen dar. Da sektorspezifische Kaufkraftparitäten nicht verfügbar sind, sind internationale Produktivitätsvergleiche auf Branchenebene nur eingeschränkt möglich. Daher wird auf gesamtwirtschaftliche Produktivitätsmaße zurückgegriffen.

Die Stundenproduktivität liegt in einigen europäischen Volkswirtschaften unter den USA. Frankreich liegt schon recht nahe, Deutschland & Österreich gleichauf und Dänemark sogar darüber. Und hier gibt es viele verkürzte Darstellungen und Behauptungen im Netz. Tatsächlich haben nicht nur die neuen EU-Mitgliedsländer, sondern auch viele andere EU-Länder seit 1995 ggü. den USA sogar aufgeholt.

Anmk. Siehe vorheriges Chart.

Ja, die Produktivität ist im Süden und Osten nicht so hoch wie im Norden und Westen der EU. Darum ist der Abstand der EU gegenüber den USA bei der Industriebeschäftigung höher als bei der industriellen Wertschöpfung. So oder so gemessen ist die industrielle Kapazität der EU deutlich höher. Und Industrie bedeutet Güterproduktion. Weil Europa bei der Industrie stärker ist als die USA und bei Dienstleistungen stärker als China, ist die Europäische Union immer noch die größte Handelsmacht der Welt.

Anmk. Für den Vergleich der Exporte im Jahr 2024 wurden Daten der Welthandelsorganisation (WTO) zu Güter- und Dienstleistungsexporten herangezogen. Die Europäische Union wird als einheitlicher Wirtschaftsraum behandelt; berücksichtigt werden ausschließlich Extra-EU-Exporte, während intra-EU-Handelsströme (Export von Polen nach Italien z.B.) nicht erfasst sind. Dies gilt entsprechend auch für das als Bezugsgröße verwendete Weltexportvolumen.

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