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Logbuch 10: Österreich kann Transformation

Österreich hat 2024 seinen Stromverbrauch bereits zu 94 Prozent aus erneuerbaren Energien gedeckt. Das zeigt: Die Energiewende ist keine ferne Vision mehr, sie passiert – hier und jetzt. Gleichzeitig haben wir boomende Cluster im Bereich der Kreislaufwirtschaft und immer mehr Zulieferer bauen Komponenten für E-Autos. Europa kann Transformation. Aber es gibt noch einige Baustellen.  

Analyse

Die europäische Wirtschaft steckt nicht in der tiefsten, aber in der längsten Flaute seit dem Zweiten Weltkrieg. Und während bei den letzten tiefen Einbrüchen die Probleme aus dem Finanzsektor kamen, oder aus der Pandemie rührten, haben wir diesmal strukturelle Probleme im Innenkern: Bei Industrie und Energie-Wirtschaft. Dafür gibt es zwei Ursachen:

Erstens kam die Energiewende zu spät ins Rollen. Als Russland 2022 die Ukraine überfiel, explodierten die Gaspreise – und mit ihnen die Strompreise. Gas war nicht nur Heizenergie, sondern auch das Backup-System des europäischen Strommarkts – siehe dazu Folge 4. Weil der Preis an der teuersten erzeugten Kilowattstunde festgemacht wird, zog der Gaspreis alles mit nach oben. Ein ökologisches, geopolitisches und wirtschaftliches Versagen zugleich. Bis heute hängt der Strompreis an diesem Mechanismus, was energieintensive Betriebe belastet.

Zweitens. China baute seine Elektromobilität seit 2015 im Rahmen der „Made in China 2025“-Strategie gezielt auf. Währenddessen manipulierten europäische Hersteller noch Abgaswerte. Das wirkte damals wie eine Lappalie, war aber in Wahrheit der Versuch, sich an eine überholte Technologie zu klammern. Dass E-Autos wesentlich klimafreundlicher und physikalisch deutlich effizienter sind, war in Folge 5 Thema. Im größten und am schnellsten wachsenden Automarkt der Welt, nämlich in China, erreichen E-Autos dieses Jahr erstmals über 50% der Neuzulassungen. Dort profitieren vor allem chinesische Marken – während europäische Konzerne um das schrumpfende Verbrennersegment kämpfen.

Die wirtschaftspolitischen Instrumente der letzten Krisen helfen in dieser Situation wenig. Konjunkturpakete und Kurzarbeit können die Probleme unserer Industrie nicht lösen. Deshalb brauchen wir jetzt Industriepolitik. Also einen klaren Pfad, der den Unternehmen Orientierung gibt, wohin die Reise geht sowie die infrastrukturellen Rahmenbedingungen dafür. Die Unternehmen können dann dezentral optimale Lösungen zur Erreichung der Ziele finden. Transformation gelingt, wenn demokratische Steuerung und unternehmerische Innovationskraft ineinandergreifen. Wie sieht gute Industriepolitik konkret für die beiden diskutierten Baustellen Energiewende und E-Mobilität aus?

Baustellen

Österreich steht mit 94% erneuerbarem Strom jetzt an der EU-Spitze. Die Photovoltaik liegt über den Ausbauzielen, die Gasverstromung, also der Kostentreiber im Strommix, hat deutlich abgenommen. Kohleverstromung gibt es seit 2020 nicht mehr. Die CO2-Intensität des Stroms hat sich seit 2019 fast halbiert. Im Energy Transition Index liegt Österreich mit Platz 6 im globalen Spitzenfeld.

Dennoch müssen wir die Energiewende weiter vorantreiben. Auf den Strom entfällt, wie in Folge 6 Thema war, nur für ein Fünftel des gesamten Energiebedarfs. Wir müssen auch Gasheizungen durch Wärmepumpen und Verbrenner durch E-Autos ersetzen. Dafür brauchen wir künftig viel mehr Strom. Es geht dabei nicht nur um Windräder und Solarmodule. Um das zentrale Energiesystem der Vergangenheit durch ein dezentrales der Zukunft zu ersetzen, benötigen wir Infrastruktur. Das sind, wie in Folge 4 besprochen, etwa bessere Stromnetze oder Batteriespeicher.

Das BMW-Werk in Steyr produziert seit August Elektromotoren. In Graz startet Magna gerade die Produktion von E-Autos eines chinesischen Herstellers. Infineon produziert in Villach Leistungshalbleiter für die Elektroschiene von Volkswagen. Gleichzeitig steigen die Absätze von E-Autos in der EU, nach einer kleinen Delle 2024, wieder stark an. In Europa hat VW dieses Jahr Tesla von Platz 1 verdrängt.

Mitten im E-Auto-Boom soll jetzt der Zeitplan für das Verbrenner-Aus aufgeschnürt werden. Dabei gibt der erst 2023 beschlossene Pfad zur Elektrifizierung Orientierung und Rechtssicherheit. Ein monatelanger Streit in allen EU-Institutionen über mögliche Ausnahmen für E-Fuel-Hybride oder Biosprit würde nur Unsicherheit schaffen.

So viel zu den medial prominenten Themen. Es gibt aber auch Branchen die weniger im Scheinwerfer stehen, wo Industriepolitik gefordert ist. Einige Beispiele:  

Will Österreich auch künftig eine voll integrierte Primärstahlproduktion im Inland?

Wir haben in Folge 7 festgestellt, dass eine CO2-freie Stahlproduktion mittels Direktreduktion technisch schon möglich ist. Die voestalpine hat die Weichen für Schritt 2 gestellt: In Linz und Donawitz entstehen Elektrolichtbogenöfen, die künftig Stahl aus Schrott und importiertem Eisenschwamm erzeugen können. Der Eisenschwamm ist Schritt 1 des Prozesses. Dieser kommt aus den USA und wird dort noch mit Schiefergas hergestellt. Die Gefahr ist, dass beide Schritte irgendwann in den USA zusammengezogen werden. Die Alternative wäre eine wasserstoffbasierte Direktreduktion in Europa. Die Frage lautet: Welche Bedingungen braucht die Industrie, um eine solche Anlage in Österreich zu errichten?

Will Österreich Kunststoff ohne Erdhöl?  

In Folge 8 war Thema, dass man das Rohöl für die Kunststofferzeugung ersetzen kann, und zwar ausgerechnet durch CO2. Rund um die OMV entsteht ein Projekt, das CO₂ in Zementwerken abscheiden und in der Raffinerie Schwechat mit grünem Wasserstoff zu Methanol umwandeln will – einem Vorprodukt für Kunststoffe. Es gibt neben rechtlichen Fragen und einer Infrastruktur für Pipelines ein entscheidendes Nadelöhr, dass dieses Projekt mit der Direktreduktion im Bereich der Stahlerzeugung gemein hat: Das ist die Verfügbarkeit von Wasserstoff.

Wasserstoff = Elektrolyse = Erneuerbare Energien

Stahl, Chemie, Zement, Raffinerien – sie alle haben nur dann eine Zukunft in Österreich, wenn ausreichend günstiger Wasserstoff vorhanden ist. Wasserstoff wird mittels Elektrolyse gewonnen und das Verfahren ist extrem energieaufwendig. Damit ist auch klar: Wir brauchen zusätzliche Mengen erneuerbaren Strom nicht nur für Heizung und Mobilität, sondern auch für die Elektrifizierung der Industrie. Mit Import alleine lässt sich das Thema nicht lösen, weil sich dann die Frage stellt, wieso Chemie- oder Stahlindustrie nicht gleich dort in Weiterverarbeitungsanlagen investieren, wo der günstige Wasserstoff hergestellt wird.

Vielmehr muss Österreich selbst zum Elektro-State werden. Die Preise für Solarmodule und Großbatteriespeicher sind in den letzten zehn Jahren um 80 Prozent gesunken. Dass die Welt bereits in einer erneuerbaren Energierevolution steckt, war Thema in Folge 6. Österreich ist Teil dieser Dynamik und soll beim Hochlauf einer Wasserstoffwirtschaft vorne dabei sein.

Zuletzt gibt es aber auch Branchen, wo Österreich eine absolute Vorreiterrolle spielt.

In Folge 9 haben wir beim Thema Kreislaufwirtschaft die erheblichen Fortschritte beim Recycling von Kunstoffen und Metallen besprochen. Schon heute verarbeitet die AMAG in Ranshofen über 80 Prozent Aluminiumschrott – das spart bis zu 95 Prozent Energie. Metalle wie Aluminium aber auch Kupfer oder Zink werden teilweise aus der Schlacke von Müllverbrennungsanlagen gewonnen, mit modernsten Anlagen aufbereitet und wieder in den Kreislauf gebracht.

Kunststoffabfälle werden beispielsweise bei Saubermacher in Graz sortiert und geschreddert und bei einer Reihe weiterer österreichischer Unternehmen eingeschmolzen und wiederverwertet. Der Prozess erfordert an jedem Schritt modernste Anlagen wovon wiederum Maschinenbauer wie Starlinger in Weißenbach Niederösterreich oder Erema in Ansfelden Oberösterreich profitieren. Diese Cluster sind alle schon da. Damit sie weiter gedeihen können braucht es digitale Produktpässe, Standardisierungen und kluge Förderinstrumente.

Fazit

Die Bundesregierung arbeitet derzeit an einer Industriestrategie mit sechs Zielen:
Standortsicherheit, Innovation, Wettbewerbsfähigkeit, Nachhaltigkeit, Qualifizierung und Resilienz. Hier nur ein paar Hinweise, wie stark die besprochenen Projekte mit diesen Zielen harmonieren:

  • Eine integrierte moderne Stahlerzeugung sichert die Standorte und die Arbeitsplätze in Linz und Donawitz
  • Eine erdölfreie Kunststofferzeugung ist extrem innovativ und stärkt das Know how der chemischen Industrie
  • Die erneuerbaren Energien verdrängen das teure Gas aus dem Markt und sorgen für wettbewerbsfähige Strompreise
  • Der Wechsel zur E-Mobilität schafft mehr ökologische Nachhaltigkeit im CO2-Problemsektor Verkehr  
  • Der Hochlauf einer Wasserstoffwirtschaft erfordert qualifizierte Jobs von der Facharbeiterin bis zum TU-Absolventen  
  • Die Kreislaufwirtschaft macht uns widerstandsfähiger gegenüber Lieferkettenproblemen und geopolitischen Risiken

Die nachhaltige Transformation unserer Produktion erfüllt alle Ziele der Bundesregierung. Wir erneuern den Motor unserer Volkswirtschaft, indem wir ihn ökologisch umbauen. Obendrein ist dieser Innovationsschub auch gleich eine Antwort auf unsere aktuelle Wirtschaftsflaute. Österreich gehört in Europa zu den Ländern mit der stärksten Industriebasis. Wir haben alles, was es braucht, um bei der industriellen Revolution des 21. Jahrhunderts vorne dabei zu ein. Wir müssen es nur wollen.

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