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Logbuch 09: Kreislaufwirtschaft – weniger Ressourcen, gleicher Wohlstand

Wenn alle Menschen auf der Welt so viele Ressourcen verbrauchen würden wie ein typischer Mensch in Österreich, dann bräuchten wir fast drei Erden. Unsere Art zu wirtschaften stößt an planetare Grenzen – und zwar längst. Aber: Kann unser Ressourcenverbrauch sinken, ohne dass wir verarmen?

Die größten Brocken unseres Ressourcenverbrauchs betreffen Wohnen und Mobilität. Gemeinsam verursachen sie rund 60 bis 70 Prozent unserer Rohstoffnutzung. Ein Teil davon hängt mit fossilen Brennstoffen zusammen. Wie wir Gasheizungen und Benzinmotoren ersetzen können, war Thema in Folge 5. Wie ein CO2-freier Kreislauf zum Ersatz von Rohöl in der chemischen Industrie funktionieren kann, war Thema in Folge 8.

Heute geht es um andere Materialien – also um das, was unsere Infrastruktur buchstäblich zusammenhält:

  • Asphalt und Beton für Straßen und Gebäude,
  • Stahl und Metalle für Autos, Züge und Geräte,
  • Seltene Erden für unsere digitale Infrastruktur,
  • Kunststoffe für Behälter und Verpackungen,
  • und Holz, Baumwolle oder Zellstoffe – vom Dachstuhl bis zur Kleidung

Wie schaffen wir es, den Verbrauch dieser Materialien zu senken? Im Grunde gibt es drei Wege:

Erstens: Wir lenken den Konsum in nachhaltige Bahnen. Frankreich etwa arbeitet gerade an einem Verbot von Ultra-Fast-Fashion – Kleidung, die nach einmal Tragen im Müll landet.
In der Schweiz wird Sanierung statt Neubau gefördert, um Rohstoffe zu sparen.
Dänemark besteuert Baustoffe, damit weniger Beton und mehr Recycling verwendet wird.
Und in Österreich gibt es den Reparaturbonus, der das Reparieren wieder leistbar macht.

Zweitens: Wir lenken die Produktion selbst in nachhaltigere Bahnen. 2024 hat die EU eine neue Ökodesign-Verordnung verabschiedet. Sie betrifft Geschirrspüler, Fernseher, Fenster, Autoladestationen und vieles mehr. Das Ziel: Längere Lebensdauer, bessere Nachrüstbarkeit, mehr Zuverlässigkeit. Dazu kommt das neue Recht auf Reparatur. Und: Unternehmen dürfen künftig Textilien nicht mehr vernichten – ein direktes Verbot, um die Praxis großer Konzerne wie H&M oder Amazon zu stoppen, die bisher tonnenweise unverkaufte oder retournierte Ware zerstört haben.

Drittens – und das ist das Herzstück: Wir verwenden Produkte, Bestandteile und Rohstoffe wieder und wieder. Diese Idee heißt Kreislaufwirtschaft – weil Materialien im Wirtschaftskreislauf bleiben, statt im Müll zu landen. Der Aufbau einer Kreislaufwirtschaft erfordert eine eigene Infrastruktur mit vielen technologischen Innovationen. In Österreich beschäftigt sich schon eine ganze Branche mit der Wiederverwendung von Produkten und Rohstoffen. Ein Paradebeispiel ist die Wiederaufbereitung von Kunststoffen:

In Österreich beginnt die Recyclingkette häufig bei Saubermacher in Graz, wo Kunststoffabfälle sortiert und geschreddert werden. Sortiermaschinen für solche Prozesse stellt beispielsweise Lindner Recyclingtech im kärntnerischen Spittal an der Drau her. In einem nächsten Schritt werden die Kunststoffe – etwa bei Ecoplast im steirischen Wildon – geschmolzen und zu Regranulat verarbeitet. Für solche Aufbereitungsprozesse liefert beispielsweise Erema im oberösterreichischen Ansfelden entsprechende Maschinen. Dieses Regranulat wird unter anderem von Verpackungsproduzenten wie Alpla in Hard (Vorarlberg) eingesetzt, um neue Behälter oder Verschlüsse herzustellen.

Die Kreislaufwirtschaft ist also das Gegenmodell zur Wegwerfgesellschaft. Der wirtschaftliche Vorteil liegt auf der Hand: Die gesamte Wertschöpfung der Wiederaufbereitung geschieht in Europa, Großteils sogar direkt in Österreich. Je besser wir unsere stoffliche Basis im Kreislauf halten, desto weniger neue Rohstoffe müssen wir importieren.

Und hier wird’s auch geopolitisch spannend. Viele denken bei Rohstoffabhängigkeit an Lithium oder Seltene Erden, deren Export China jüngst eingeschränkt hat. Aber auch bei klassischen Metallen ist Europa stark abhängig: Bei Kupfer stammen beispielsweise zwei Drittel des europäischen Bedarfs aus Importen. Autos bestehen zu rund 70 Prozent aus Stahl, Aluminium und Gusseisen. In Deutschland wird das dafür benötigte Eisenerz zu 100 Prozent importiert.

Eine geringere Importabhängigkeit der EU bei zentralen Rohstoffen ist in Zeiten von Handelskriegen, Blockbildung und Aufrüstung ist mit Sicherheit kein Fehler. Gleichzeitig ist unser Hauptfokus ja die Nachhaltigkeit: Wir möchten die planetaren Grenzen achten und nicht die Ressourcen von drei Erden verbrauchen. Das Ziel in Europa wirtschaftlich unabhängiger zu werden geht hier mit dem Ziel der ökologischen Nachhaltigkeit Hand in Hand.

Was spart sich der Planet, wenn wir Metalle recyceln? Ziemlich viel.

  • Erstens: Kein Erzabbau – also weniger Landschaftszerstörung, weniger Wasserverbrauch, keine gigantischen Abraumhalden
  • Zweitens: Keine chemische Erzaufbereitung, die giftige Rückstände hinterlässt
  • Drittens: Kein Transport über halbe Welt mit schwerölbetriebenen Frachtschiffen
  • Und viertens: Weniger Energieverbrauch. Die Herstellung von Aluminium aus Erzen ist extrem energieintensiv – Recycling spart dabei bis zu 95 Prozent Energie.

Das ist wirklich ein bahnbrechender Unterschied und bedeutet: weniger Emissionen, weniger Kosten, mehr Effizienz. Heute, wo immer noch viel Strom aus fossilen Quellen stammt, ist Recycling also ein direkter Schritt zur Dekarbonisierung. Und wenn der Umstieg auf erneuerbaren Energien geschafft ist, hilft es, die freiwerdende Energie dort einzusetzen, wo sie dringend gebraucht wird – etwa bei der Herstellung von Wasserstoff.

Das ist alles keine Theorie. Ein Paradebeispiel ist die AMAG im oberösterreichischen Ranshofen – einer der größten Aluminiumrecycler Europas. Mit einem Schrotteinsatz von bis zu 80 Prozent zählt sie weltweit zur Spitze. Das Unternehmen spart sich durch das Recycling Unmengen von teurem Strom, das Verfahren ist wirtschaftlich schlicht effizienter.

Und woher kommt das zu recycelnde Material? Unter anderem aus unserem Müll. Viele Metalle – Kupfer, Edelstahl, Zink oder Aluminium – landen im Abfall. Was bei der Müllverbrennung übrig bleibt, wird in Hightech-Anlagen wieder herausgeholt, etwa durch die Firma Zöchling an zwei Standorten in Niederösterreich. Mit 3000-fachen Magneten, Röntgen- und Infrarottechnik werden die Metallfraktionen sortiert. Ein aufwendiger, aber lohnender Prozess: Bei einem Kupferpreis von rund 10.000 Euro pro Tonne zahlen sich auf diese kapitalintensiven Investitionen aus. Und damit bringt das Metallrecycling nicht nur hochwertige Dienstleistungen im Bereich der Abfallwirtschaft mit sich, sondern stößt eine ganze Wertschöpfungskette im Anlagen- und Maschinenbau – qualitativ hochwertige Arbeitsplätze inklusive.

Auch andere Beispiele zeigen:

  • Das Montanwerk Brixlegg in Tirol recycelt Kupfer.
  • Die voestalpine stellt, wie in Folge 7 besprochen, ihre Hochöfen auf Elektrolichtbogenöfen um – damit kommt auch das Stahlrecycling in Schwung.

Und Kreislaufwirtschaft betrifft längst nicht nur Kunststoffe oder Metalle:

  • Wienerberger, der in Wien ansässige größte Ziegelproduzent der Welt, entwickelt Baustoffe, die zu über 90 Prozent recycelbar sind. Unter dem Stichwort Urban Mining werden Rohstoffe aus alten Gebäuden oder Deponien wiedergewonnen.
  • Die AustroCel Hallein produziert Zellstoff und Bioenergie aus Sägespänen, also einem Abfallprodukt, das bei der holzverarbeitenden Industrie entsteht. Das Unternehmen verfügt über die weltweit größte Anlage zur Erzeugung von Bioethanol. Der Energieeinsatz bei AustroCel ist zu 99 Prozent dekarbonisiert und das Unternehmen verfolgt eine Zero-Waste-Strategie.

Mit technologischen Innovationen allein werden wir unseren Ressourcenfußabdruck in Österreich nicht von drei Erden auf eine senken. Wir brauchen auch kluge Regeln und Anreize – wie Pfandsysteme, Reparaturboni und ökologische Steuern. Und wir brauchen eine neue Konsumkultur: Dinge länger nutzen, teilen, reparieren, statt ersetzen.

Aber ohne technologische Weichenstellung Richtung Kreislaufwirtschaft haben wir keine Chance unseren Lebensstandard prinzipiell zu erhalten und gleichzeitig die planetaren Grenzen zu achten. Die technologischen Innovationen sind nicht alles – aber ohne sie ist alles nichts.