Anlässlich des vierten Jahrestages des Überfalls Russlands auf die Ukraine ist eines immer noch unbegreiflich: Wie können so viele die Ukraine als Hindernis für den Frieden erachten?
Im ersten Kriegsjahr 2022 erzielte die Ukraine einige militärische Erfolge und die Staatsführung hegte einen gewissen Optimismus in Bezug auf die bevorstehende Gegenoffensive 2023. Darum herrschte in Kyjiw die Hoffnung vor, die russische Armee zumindest aus Teilen des Landes werfen zu können.
Die ukrainische Gegenoffensive scheiterte im Herbst 2023. Hat der Westen Waffen zu spät und zu wenig umfangreich geleifert – das ist möglich. Hat Selenskyi trotz Widerspruchs wichtiger Militärs die falsche Strategie gewählt – das ist möglich. Hätte, hätte Fahrradkette, die Chance wurde vertan.
Zuerst hatte die Ukraine kein Glück und dann kam auch noch Pech dazu. Ab Ende 2023 blockierte der US-Kongress auf Betreiben Trumps monatelang ein weiteres Hilfspaket für das Land. Damals begann die ukrainische Führung ihre Ziele an die neuen Realitäten anzupassen.
Im Jahr 2024 kamen dann neue Töne von Selenskyi: Die ukrainische Armee habe nicht die Kraft das gesamte Territorium zurückzuerobern, man brauche politische Lösungen – etwa für die Krim, Gespräche mit Russland seien auch ohne Vorbedingungen wie einem Rückzug der Truppen möglich. Es gibt keine de jure Anerkennung der russischen Ansprüche, aber eine de facto Anerkennung der Situation aus dem Boden.
Dieser Richtungswechsel wurde nicht offensiv und konsequent kommuniziert, sondern zerknirscht und unstet. Psychologisch verständlich, politisch aber kontraproduktiv in der Signalwirkung gegenüber der Öffentlichkeit im Westen. Obwohl die Ukraine schon im diplomatischen Modus war, kommunizierte sie das nicht deutlich.
Und es brauchte den Eklat im Weißen Haus mit der Täter-Opfer-Umkehr durch Trump und Vance vor einem Jahr, um auch kommunikativ restlos alle Konsequenzen aus der neuen Situation zu ziehen. Das unwürdige Zusammenkommen hatte ein Gutes: Die Ziele und die Rhetorik der Ukraine sind seit damals stringent.
Seit März 2025 hat die Ukraine mehrfach einen bedingungslosen (!) Waffenstillstand angeboten:
- 11. März: 2025 Ukraine erklärt sich bereit, einen sofortigen, landesweiten Waffenstillstand für 30 Tage (US-Vorschlag) zu akzeptieren
- 23. April: 2025 Selenskyj fordert sofortigen, vollständigen und bedingungslosen Waffenstillstand
- 10. Mai 2025: Die Ukraine und ihre vier wichtigsten europäischen Unterstützer sprechen sich für eine 30-tägige Waffenruhe ab Montag aus.
- 20. Juli 2025: Die Ukraine hat Russland neue Verhandlungen über eine Waffenruhe vorgeschlagen.
- 13. August 2025: Vor dem Treffen zwischen Trump und Putin haben europäische Vertreter auf einen Waffenstillstand in der Ukraine gedrängt. Selenskyj forderte eine „sofortige Waffenruhe“.
- 24. Oktober 2025: Keir Starmer und Emanuel Macron begrüßten die Unterstützung von Präsident Selenskyj für einen vollständigen, bedingungslosen Waffenstillstand.
- 16. Dezember 2025: Kanzler Merz und Präsident Selenskyj haben dafür plädiert, die Waffen in der Ukraine über Weihnachten ruhen zu lassen. Die Reaktion aus Russland folgt prompt.
Seit Mai 2025 hat sie direkte Gespräche mit Putin ohne Vorbedingungen mehrfach vorgeschlagen:
- 16. Mai 2025: Selenskyi reist nach Ankara um Putin für Friedensgespräche zu treffen („Ich bin hier“), Putin kommt aber nicht.
- 5. Juni 2025: Selenskyj (..) erneuerte seine Forderung nach direkten Gesprächen mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin.
- 20. Juli 2025: Selenskyj bekräftigte seine Bereitschaft zu einem persönlichen Treffen mit dem russischen Staatschef Putin.
- 19. August 2025: Trump erklärte er habe Putin angerufen und mit den „Vorbereitungen“ für ein solches Zweiertreffen begonnen. Selenskyj sagte, er sei dazu auch ohne Vorbedingungen bereit.
- 28. Januar 2026: Der ukrainische Präsident Selenskyj ist offenbar bereit, direkt mit Kremlchef Putin über ein Ende des Ukraine-Krieges zu verhandeln.
- 18. Februar 2026: Der ukrainische Staatschef will die strittigen Gebietsfragen bevorzugt bei einem direkten Gipfeltreffen mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin lösen.
Seit einem Jahr gibt es keinen Zweifel, dass die Ukraine sich keine Illusionen mehr macht. Darum wurden die Sicherheitsgarantien auch zum Hauptthema: Wenn es keine Möglichkeit gibt die Besatzung von 20% des Landes rückgängig zu machen, dann sollen die verbleibenden 80% zumindest nie wieder angegriffen werden.
Es stimmt, dass die Ukraine 2022/23 auf Rückeroberung setzte und das auch kommunizierte. Es stimmt, dass die Ukraine 2024 ihre diplomatische Wende nicht ausreichend kommuniziert hat. Unbegreiflich ist aber, dass seit dem Eklat im Weißen Haus noch irgendjemand daran zweifelt, dass es Putin ist der keinen Waffenstillstand möchte.
Und das bringt uns zur alten Frage was tun? Putins Ambitionen liegen wohl irgendwo zwischen der vollständigen Eroberung des Donbas und den ursprünglichen Maximalzielen (Annexion des Südostens und Marionettenstaat im Rest). Seine Ziele sind dabei eine Funktion seiner Möglichkeiten.
Und damit gilt für die westliche Ukraineunterstützung das gleiche wie seit dem Scheitern der Gegenoffensive im Herbst 2023: Die Möglichkeiten Putins müssen limitiert werden damit seine Ziele bescheidener werden. Das bedeutet schon lange nicht mehr ukrainische Rückeroberung, aber eben auch nicht ukrainischer Rückzug.
Das simple Ziel für 2026 lautet: Der weitere Vormarsch der russischen Armee muss zum Stehen kommen. Und wenn die Front über Monate sichtbar steht und sich gleichzeitig die wirtschaftlichen Bedingungen für Russland weiter verschlechtern, dann gibt es echte Chancen auf einen Waffenstillstand.